Armutskonzepte

Die Definition von Armut ist abhängig von gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Wertvorstellungen. Die Frage, was unter Armut zu verstehen ist und ab wann eine Person als arm gilt, lässt sich nicht anhand von objektiven, eindeutigen und allgemein anerkannten Kriterien beantworten. Die Antwort variiert je nach Sichtweise und Kontext. 

Eine Vielzahl von Konzepten 
Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass Armut rein an das physische Überleben gekoppelt ist und armutsbetroffene Menschen keine Möglichkeit haben, grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung oder Obdach zu sichern. Die Beurteilung von Lebenschancen, Lebensbedingungen und sozialem Status wird massgeblich durch die Verfügbarkeit von Einkommen und Vermögen bestimmt. Daher spielt die finanzielle Situation von Haushalten oder Einzelpersonen bei der Erfassung von Armut eine zentrale Rolle.
Aus Sicht der Nationalen Plattform gegen Armut greift diese Perspektive für die Beschreibung von Armut in der Schweiz aber zu kurz. Denn Armut misst sich auch am Lebensstandard der jeweiligen Gesellschaft: Mitunter sind auch Bedürfnisse zu berücksichtigen, die über eine rein materielle Grundversorgung hinausgehen. Armut betrifft alle Lebensbereiche und bezieht sich unter anderem auf Ausbildungsperspektiven, auf Gesundheit oder Sicherheit. Armut bedeutet oft auch den Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben und führt zu sozialer Isolation. Diese Dimensionen zu messen, ist äusserst schwierig. 

Nachfolgend werden ausgewählte Armutskonzepte kurz vorgestellt: 

Absolute Armut
In «absoluten» Armutskonzepten ist Armut als Unterschreitung eines festgelegten Existenzminimums definiert. Sie wird an einem festgelegten Betrag gemessen, der als Einkommensminimum für ein gesellschaftlich integriertes Leben im gegebenen Land gilt. In der Schweiz wird das bedarfsorientierte Einkommensminimum von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) definiert. Eine Person, deren Einkommen das Existenzenzminimum unterschreitet, hat zu knappe Ressourcen, um alle notwendigen Güter und Dienstleistungen zu erwerben. Sie gilt als arm. 2016 betrug die durchschnittliche Armutsgrenze in der Schweiz 2247 Franken pro Monat für einen Einpersonenhaushalt und 3981 Franken für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren. 
Auch die Armutsquote orientiert sich an diesem monetären Messungsansatz. Sie wird berechnet, um das Ausmass der Armut festzustellen und gibt Auskunft über den Anteil armutsbetroffener Personen an der Gesamtbevölkerung. Eine Person gilt als arm, wenn sie in einem Haushalt lebt, dessen verfügbares Einkommen unter der absoluten Armutsgrenze liegt. 

Relative Armut
Das Konzept der relativen Armut orientiert sich an der Verteilung von Wohlstand in der Gesamtbevölkerung. Armut wird am Ausmass sozialer Ungleichheit in einem Land gemessen. Somit hängt sie nicht – wie beim Konzept der absoluten Armut – allein von der wirtschaftlichen Situation einer Person ab, sondern auch vom landesspezifischen Wohlstandsniveau. 
Die gängigsten relativen Armutsgrenzen sind bei 50% oder 60% des mittleren verfügbaren Äquivalenzeinkommens der gesamten Bevölkerung festgelegt. Die Armutsgefährdungsquote misst den Anteil armutsgefährdeter Personen an der Gesamtbevölkerung. In der Schweiz wird sie vom BFS bei 60% des verfügbaren medianen Äquivalenzeinkommens der Schweizer Haushalte angesetzt. 

Materielle Entbehrung
Das Konzept der materiellen Entbehrung bezieht sich auf die Versorgungslage in mehreren als zentral geltenden Lebensbereichen. Neben dem monetären Einkommen können auch nicht-finanzielle Indikatoren zur Messung von materieller Entbehrung einbezogen werden.
Von materieller Entbehrung wird gesprochen, wenn Personen einen Mangel in elementaren Lebensbedingungen und/oder Gebrauchsgütern aufweisen, die von der Bevölkerungsmehrheit als wesentlich erachtet werden. Zum Beispiel sind sie nicht in der Lage, unerwartete Ausgaben von 2500 Franken in Monatsfrist zu bezahlen, pro Jahr eine Woche Ferien auswärts zu finanzieren, sich jeden zweiten Tag eine fleisch- oder fischhaltige Mahlzeit zu leisten (oder vegetarische Entsprechung), die Wohnung ausreichend zu heizen oder für die Kosten eines Telefons, eines Fernsehers, eines Autos aufzukommen.
Es wird damit nicht berücksichtigt, dass Individuen unterschiedliche persönliche und sozioökonomische Bedingungen und Vorlieben aufweisen.

Letzte Änderung: 17.07.2019